Geplante Obsoleszenz: Mythos, Wahrheit und Ausweg

Kurz gesagt:

  • Geplante Obsoleszenz heißt: Ein Hersteller baut absichtlich ein Verfallsdatum in sein Produkt ein. Sauber belegt ist das vor allem beim Glühbirnen-Kartell der 1920er-Jahre.
  • Eine große Studie für das Umweltbundesamt fand 2016 keine Belege für gezielt eingebaute Schwachstellen. Kurze Lebensdauer hat meist andere Gründe: Kostendruck, verklebte Akkus, fehlende Updates und die Lust auf Neues.
  • Die EU steuert gegen, mit Recht auf Reparatur, Ökodesign-Regeln für Smartphones und austauschbaren Akkus ab 2027. Dein bestes Gegenmittel heute: robuste, reparierbare Geräte lange nutzen.

In einer Feuerwache im kalifornischen Livermore hängt eine Glühbirne von der Decke, die seit 1901 leuchtet. Mit kurzen Unterbrechungen, aber seit über 120 Jahren. Die klassischen Glühbirnen aus dem Supermarkt waren dagegen nach rund 1.000 Stunden durch. Und dein letztes Handy?

Da liegt der Verdacht nahe: Die bauen das absichtlich so. Manchmal stimmt das tatsächlich. Meistens ist die Wahrheit aber unspektakulärer und, ehrlich gesagt, auch ärgerlicher. Schauen wir uns an, was dran ist.

1. Die Glühbirnen-Verschwörung: Wie alles anfing

Der bekannteste belegte Fall geplanter Obsoleszenz stammt aus der Glühbirnen-Industrie: Ende 1924 einigten sich große Hersteller im sogenannten Phoebus-Kartell darauf, die Lebensdauer ihrer Lampen auf 1.000 Stunden zu begrenzen.

Am 23. Dezember 1924 trafen sich in Genf Vertreter von Osram, Philips, der französischen Compagnie des Lampes und General Electric. Sie teilten den Weltmarkt unter sich auf und legten eine gemeinsame Brenndauer fest. Das Absurde: Glühbirnen hielten damals oft schon 2.500 Stunden und mehr. Die Ingenieure mussten also aktiv daran arbeiten, ihre Produkte schlechter zu machen. Fabriken schickten regelmäßig Proben in ein zentrales Prüflabor in der Schweiz, und wer zu langlebige Lampen baute, musste Strafe zahlen.

Das Wort selbst kommt übrigens vom lateinischen „obsolescere“, also sich abnutzen oder veralten. Als Begriff für ein bewusst eingebautes Verfallsdatum machte ihn 1932 der New Yorker Immobilienmakler Bernard London bekannt. Er schlug allen Ernstes vor, Produkten per Gesetz ein Ablaufdatum zu verpassen, um die Wirtschaftskrise zu beenden.

2. Was die Forschung sagt: geplant oder einfach billig?

Gezielt eingebaute Sollbruchstellen ließen sich in der bisher gründlichsten deutschen Untersuchung nicht nachweisen. Das Öko-Institut und die Universität Bonn haben im Auftrag des Umweltbundesamts untersucht, wie lange Elektrogeräte genutzt werden und warum sie ersetzt werden (UBA-Texte 11/2016).

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Keine Belege für Absicht: Die Forscher fanden keine Hinweise darauf, dass Hersteller gezielt Defekte einbauen. Geräte werden aber für bestimmte Zielgruppen, Preise und Produktzyklen konstruiert. Wer ein billiges Gerät baut, nimmt eine kürzere Lebensdauer in Kauf.
  • Mehr frühe Defekte: Der Anteil großer Haushaltsgeräte, die schon innerhalb von fünf Jahren wegen eines Defekts ersetzt wurden, stieg binnen rund zehn Jahren von 3,5 auf 8,3 Prozent.
  • Oft funktioniert das alte Gerät noch: Laut einer Zwischenauswertung wurden über 60 Prozent der ersetzten Flachbildfernseher ausgetauscht, obwohl sie noch liefen. Auch Smartphones und Notebooks landen häufig in der Schublade, weil ein neueres Modell lockt.

Die unbequeme Wahrheit: Nicht nur die Hersteller verkürzen die Lebensdauer unserer Technik. Wir selbst machen da kräftig mit.

3. Die vier Arten der Obsoleszenz

Fachleute unterscheiden vier Arten, wie ein Gerät „veraltet“. Die UBA-Studie nennt sie werkstofflich, funktional, psychologisch und ökonomisch.

  • Werkstoffliche Obsoleszenz: Material gibt auf. Ein Akku verliert Kapazität, ein Scharnier bricht, ein Lüfter verstaubt. Das ist Physik, kann aber durch billige Bauteile beschleunigt werden.
  • Funktionale Obsoleszenz: Das Gerät läuft, kann aber nicht mehr mithalten. Es gibt keine Updates mehr, neue Apps laufen nicht oder ein Anschluss ist verschwunden. Bei der Laptop-Lebensdauer ist das oft der eigentliche Knackpunkt, Stichwort Windows 11.
  • Psychologische Obsoleszenz: Das alte Gerät funktioniert, gefällt aber nicht mehr. Neue Farbe, neue Kamera, neues Gefühl.
  • Ökonomische Obsoleszenz: Reparieren lohnt sich nicht, weil Ersatzteile fehlen oder die Werkstatt fast so viel kostet wie ein neues Gerät.

Die echte, absichtliche geplante Obsoleszenz ist also nur ein Sonderfall. Die anderen vier Arten treffen dich im Alltag viel häufiger.

4. Berühmte Fälle: Akku-Drosselung, Drucker-Chips, verklebte Akkus

Diese drei Beispiele für geplante Obsoleszenz werden am häufigsten genannt, und keines davon ist ganz so eindeutig, wie es klingt.

Die Akku-Drosselung beim iPhone

2017 wurde bekannt, dass Apple ältere iPhones mit gealtertem Akku per Software ausbremste, um plötzliches Abschalten zu verhindern. Technisch nachvollziehbar, nur hatte Apple das niemandem gesagt. In Frankreich zahlte Apple 2020 eine Strafe von 25 Millionen Euro wegen irreführender Geschäftspraxis durch Verschweigen. Den Vorwurf der geplanten Obsoleszenz verfolgten die Behörden dabei nicht weiter. In den USA folgten 2020 ein Vergleich von bis zu 500 Millionen Dollar mit Kunden und 113 Millionen Dollar mit mehreren Bundesstaaten.

Das Gute daran: Seitdem zeigt das iPhone den Batteriezustand offen an. Wie du ihn liest, steht in iPhone-Batteriezustand: Wie viel Prozent sind noch gut?.

Drucker, die fremde Patronen ablehnen

2016 sorgte ein Firmware-Update bei bestimmten HP-Druckern dafür, dass Patronen mit nachgebauten Chips nicht mehr funktionierten, auch wenn sie vorher liefen. Nach heftiger Kritik bot HP ein optionales Update an. Die italienische Wettbewerbsbehörde verhängte 2020 gegen HP Strafen von insgesamt 10 Millionen Euro, unter anderem wegen solcher Einschränkungen.

Verklebte Akkus

Viele dünne Smartphones und Laptops haben fest verklebte Akkus. Das spart Platz und hilft bei der Abdichtung, macht den Tausch aber aufwendig und teuer. Ob Absicht oder Design: Am Ende landet manches Gerät nur wegen eines müden Akkus im Müll.

5. Was die EU dagegen tut: Recht auf Reparatur, Ökodesign, Batterieverordnung

Die EU setzt inzwischen an drei Stellen an: bei der Reparatur, bei der Bauweise und beim Akku.

  • Recht auf Reparatur: Die Richtlinie (EU) 2024/1799 mussten die Mitgliedstaaten bis 31. Juli 2026 umsetzen. Hersteller bestimmter Produkte, zum Beispiel Smartphones, Tablets und Waschmaschinen, müssen auch nach Ablauf der gesetzlichen Gewährleistung zu einem angemessenen Preis reparieren. Wählst du innerhalb der Gewährleistung die Reparatur statt eines Austauschs, verlängert sie sich um ein Jahr.
  • Ökodesign für Smartphones und Tablets: Für Geräte, die seit dem 20. Juni 2025 neu auf den EU-Markt kommen, gilt: Ersatzteile mindestens sieben Jahre nach Verkaufsende des Modells, Betriebssystem-Updates mindestens fünf Jahre nach Verkaufsende, Akkus mit mindestens 800 Ladezyklen bei 80 Prozent Restkapazität. Auf dem Energielabel steht außerdem eine Reparierbarkeitsklasse von A bis E.
  • Batterieverordnung: Nach der Verordnung (EU) 2023/1542 müssen Gerätebatterien ab dem 18. Februar 2027 grundsätzlich vom Endnutzer selbst entnommen und ersetzt werden können, mit handelsüblichem Werkzeug. Es gibt Ausnahmen, etwa aus Sicherheitsgründen.

6. Dein Gegenmittel gegen geplante Obsoleszenz: robuste Geräte, Ersatzteile, gebraucht kaufen

Das wirksamste Mittel gegen frühes Verschrotten bist du selbst: Kauf Geräte, die sich reparieren lassen, und nutz sie, solange sie ihren Job machen.

  1. Business statt Wegwerf-Design: Business-Laptops wie ThinkPad, Latitude oder EliteBook sind meist verschraubt statt verklebt. Akku, Arbeitsspeicher und SSD lassen sich oft tauschen. Original-Akkus für einzelne ThinkPad-Modelle gibt es bei unseren Lenovo-Ersatzteilen schon ab 15 € (Stand Oktober 2026).
  2. Ersatzteil statt Neugerät: Tastatur kaputt, Display gesprungen, Touchpad hakt? Für einige ThinkPad-Modelle findest du auch Tastaturen, Displays und Touchpads in unserem Lenovo-Zubehör.
  3. Akku tauschen: Ein schwacher Akku ist kein Grund für einen neuen Laptop. Wie der Tausch klappt, erklärt Laptop-Akku schwach? Prüfen, wechseln, länger durchhalten.
  4. Gebraucht kaufen: Jedes Gerät, das weiterläuft, muss nicht neu gebaut werden. Warum das bei der Klimabilanz so viel ausmacht, zeigt Nachhaltiger Laptop: Wie viel CO₂ steckt drin?.
  5. Ehrlich fragen: Kann das alte Gerät wirklich nichts mehr, oder will ich einfach was Neues? Gegen psychologische Obsoleszenz hilft nur diese eine Frage.

7. Wie SecondBuy dir dabei hilft

Längere Nutzung ist unser Geschäftsmodell. Wir verkaufen geprüfte gebrauchte Geräte mit Zustandsstufe, 30 Tagen Rückgaberecht und einer Gewährleistung für Mängel, die sich innerhalb eines Jahres zeigen. In unserem Flagship Store in Schwäbisch Hall reparieren wir mit Kostenvoranschlag und bieten eine Inspektion mit Innenreinigung gegen Überhitzung und BIOS-Update an. Alle Leistungen stehen auf der Seite Unser Service. Unser Umweltmanagement ist seit 2019 nach ISO 14001 zertifiziert, mehr dazu unter Über uns.

Fazit

Geplante Obsoleszenz gibt es, aber seltener, als der Verdacht vermuten lässt. Das Glühbirnen-Kartell war echt, die Akku-Drosselung beim iPhone ein Fall von Verschweigen, und viele kurze Lebensläufe erklären sich durch Kostendruck, verklebte Bauteile, fehlende Updates und unsere eigene Lust auf Neues. Die EU dreht gerade an mehreren Schrauben. Bis die Regeln überall wirken, hilft am meisten: reparierbare Geräte kaufen, Akkus tauschen statt Laptops und gebraucht statt neu.

Häufige Fragen

Was bedeutet Obsoleszenz?

Obsoleszenz bedeutet, dass ein Produkt veraltet oder unbrauchbar wird. Das kann am Material liegen, an fehlender Software, an zu teuren Reparaturen oder einfach daran, dass es uns nicht mehr gefällt.

Was bedeutet geplante Obsoleszenz?

Geplante Obsoleszenz heißt, dass ein Hersteller die Lebensdauer seines Produkts absichtlich verkürzt, etwa durch Sollbruchstellen. Belegt ist das vor allem beim Phoebus-Kartell, das 1924 die Brenndauer von Glühbirnen auf 1.000 Stunden begrenzte.

Warum sind Akkus in Handys verklebt: geplante Obsoleszenz oder sinnvoll?

Meist steckt Design dahinter: Verklebte Akkus sparen Platz und helfen bei der Abdichtung gegen Wasser. Der Nebeneffekt ist ein aufwendiger, teurer Tausch. Die EU-Batterieverordnung verlangt deshalb ab 2027 grundsätzlich austauschbare Gerätebatterien, mit Ausnahmen.

Was kann man gegen geplante Obsoleszenz tun?

Reparierbare Geräte kaufen, Akkus und Teile tauschen statt das ganze Gerät, und Technik gebraucht kaufen oder weitergeben. Achte bei Smartphones und Tablets auf die Reparierbarkeitsklasse auf dem EU-Energielabel.

Wer hat die Obsoleszenz erfunden?

Erfunden hat sie niemand allein. Das Glühbirnen-Kartell von 1924 gilt als frühes Beispiel. Den Begriff „planned obsolescence“ machte 1932 der US-Makler Bernard London mit einer Schrift gegen die Wirtschaftskrise bekannt.

Quellen

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